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Dr. Thorsten Latzel
Direktor, Pfarrer
Studienleiter für Theologie & Kirche
Evangelische Akademie Frankfurt

Die Impulse können Sie nachlesen auf:
https://www.evangelische-akademie.de/aktuelles/glauben-denken/

"Weil du fehlst ..." Von Einsamkeit und leeren Stühlen - 23.Mai 2020

Die Corona-Pandemie verursacht Leiden verschiedener Art. Eine sehr intensive Form ist Einsamkeit. Wenn niemand da ist, mit dem man reden, lachen, streiten kann. Wenn die Menschen fehlen, die für einen wichtig sind. Oder wenn man sie kaum noch sehen kann. Dies betrifft oft Menschen, die allein leben. In Deutschland etwa jede/r fünfte, rund 40 Prozent aller Haushalte. Häufig auch Ältere, weil sich die Lebenskreise mit den Jahren von selber zusammenziehen.

Mich hat in den letzten Tagen ein Interview mit dem 84-jährigen Rentner Alfons Blum berührt. Er ist seit 63 Jahren mit seiner Frau verheiratet. Seit Dezember ist sie wegen ihrer Demenz im Pflegeheim, wegen der Pandemie konnte er sie nun seit acht Wochen nicht mehr besuchen. Bei einer Demonstration in Gera erzählt er – unter Tränen – seine Geschichte einem Reporterteam von „ARD Extra“. Bis er auf einmal von einem anderen Demonstranten wütend angegangen wird, weil er nicht kapiere, dass das „Merkel-Regime“ an allem schuld sei. Wenn man ARD und ZDF zuhöre, habe man die Kontrolle über sein Leben verloren. Wut-Ideologie gegen das konkrete Leiden eines alten Menschen.

Doch Einsamkeit ist keineswegs auf Singles oder Alte begrenzt. Menschen fühlen sich allein auch mitten in ihrer Familie oder in einer glücklichen Beziehung. Ich kann einsam sein, auch wenn andere um mich sind. Noch viel mehr, wenn die ganze Besetzung meines Lebens mit einem Mal radikal zusammengestrichen ist. Das Fehlen von Freunden, die mich verstehen. Von Kolleginnen, mit denen ich gemeinsam eine Arbeit leiste, Teil von etwas Größerem bin. Oder einfach von vertrauten „Gesichtern“ ohne Namen, die ich sonst auf der Straße, in der Kirche oder am Kiosk getroffen habe. Zu meinem Leben gehört ein ganzer Schwarm von „anderen“. Normalerweise.

Beim Start einer Videokonferenz wurde mir kürzlich angezeigt: „Teilnehmende 1“. Ich habe mich gefragt: Wie würde es sich anfühlen, wenn ich wüsste, dass sich den ganzen Tag daran nichts ändert? Zooming alone. Und selbst wenn andere sich zuschalten: Menschen, die mit Displays sprechen, auf denen andere zu sehen sind, die das Gleiche tun. Gewiss, besser als nichts. Aber Bildschirmen kann man eben nicht begegnen.

„Weil du fehlst …“ Dass es im Leben eine Lücke gibt, gehört zu den Grunderfahrungen vieler Religionen. Im Judentum gibt es den Brauch, bei Pessach einen Stuhl für Elia freizuhalten. Bei der Feier des Heiligen Abends in Polen, der Wigilia, wird ein zusätzlicher Platz für einen unerwarteten Gast eingedeckt – auf dass es den Marias und Josefs unserer Tage anders ergehen möge. Mobiliarer Ausdruck einer sozialen Leerstelle. Als Gastronomen Ende April mit leeren Stühlen auf öffentlichen Plätzen demonstrierten, spiegelte sich etwas davon wider. „Wenn Gast kommt, Gott kommt.“ Wie wird dieser – in schönen Zeiten gern zitierte – Satz religiöser Gastfreundlichkeit eigentlich in Zeiten von Covid-19 gehört: Kein Gast, kein Gott? Oder stehen die leeren Stühle für die dunkle Seite Gottes? Seine Ferne, sein Fehlen, sein Schweigen? Neben der politischen Forderung auch ein Ausdruck säkularisierter Klage?

Es geht nicht, von Gott nur in Schönwetterphasen zu sprechen. Umgekehrt halte ich es für theologisch platt, wenn manche religiösen Prediger die Pandemie vollmundig als Strafe Gottes interpretieren. Leider passen Seuchen ideal in die Vorstellungswelt frommer Fundamentalisten: Sie machen Menschen Angst. Und sie bieten Anlass, anderen Sünde, Hölle, Tod und Teufel zu predigen. Nein. „Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!“ (Röm 11,33) Der Satz richtet sich gerade gegen Menschen, die sich selbst für die persönlichen Berater Gottes halten. Nochmals nein. Wir kennen nicht Gottes Wege in der Geschichte (Jes 55,8f.). Und der Versuch, es doch zu wissen, ist allzu oft schiefgegangen. Unsere Aufgabe ist es, mit der Erfahrung umzugehen, die viele Menschen in der Pandemie machen: dass Gott fehlt, ferne ist, schweigt.

„Weil du fehlst …“ Ein paradoxer Umgang mit dem Fehlen Gottes zeigt sich an Christi Himmelfahrt, das in diesen Tagen gefeiert wurde. Es geht an dem Fest ja eigentlich um einen sozialen Verlust: Die unmittelbare Begegnung zwischen dem Auferstandenen und seinen Jüngerinnen und Jüngern endet. Doch Markus und besonders Lukas, der gleich zweimal von der Entrückung Jesu berichtet (Lk 24,50ff., Apg 1,1ff.), geben dem Abschied eine positive Wendung. Zum einen sitzt der Auferstandene nun zur Rechten Gottes (Mk 16,19). Der die Welt in Händen hält, ist niemand anderer als der, der mit den Menschen leidet. Und der ihre Einsamkeit von der Wüste bis zum Garten Gethsemane geteilt hat. Das Ende seiner Präsenz wird so zum Beginn einer neuen Gegenwart. Zum anderen werden die Jüngerinnen und Jünger geerdet und aufeinander verwiesen. Von den Engeln schön formuliert: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht in den Himmel?“ (Apg 1,11) Bei der Himmelfahrt Christi geht es auch um die Erdenfahrt der Christen. Es ist der Anfang dafür, die Lücke des irdischen Jesus zu füllen und füreinander zum Christus zu werden: Hungrige speisen, Nackte kleiden, Fremde aufnehmen, Kranken helfen, Unterdrückten beistehen – und Einsame nicht allein lassen. Ganz im Sinne des mitleidenden Weltenrichters (Mt 25, 31ff.). Himmelfahrt hat so etwas mit Erwachsenwerden zu tun. Und mit einer Erdung des Glaubens.

In der Pandemie leiden viele Menschen. Ältere Menschen wie Alfons Blum und seine Frau in Gera. Gastronomen, Künstlerinnen, kleine Geschäfte, die keine Kunden mehr haben. Und auch Menschen, die bei keiner Demonstration mitgehen: weil sie sich allein um ihre Kinder kümmern, weil sie in Flüchtlingslagern leben, weil die Krise sie psychisch krankmacht, weil sie nach einem Zehn-Stunden-Tag als Päckchenbote nicht mehr können. „Die im Schatten sieht man nicht“ – das gilt leider auch für viele Menschen im Schatten von Corona. Es ist wichtig, dass wir uns – im Sinne Christi – um diese konkreten Nöte von Menschen kümmern. Um die vielen Formen der Einsamkeit, in der wir einander fehlen. Das ergibt für mich mehr Sinn, als wie die Männer damals in den Himmel zu starren oder wie heute (noch dazu in einer freien, demokratischen Gesellschaft) auf „die da oben“ zu schimpfen.

„Weil Du fehlst“
Weil Du uns fehlst, Gott,
an allen Enden
mit Deiner Liebe, Deiner Hilfe, Deinem Verzeihen,
mach uns zu Menschen füreinander.
Wir vertrauen darauf,
dass Du, Gott, es zu einem guten Ende bringen wirst,
wo unsere Liebe, unsere Hilfe, unser Verzeihen nicht reichen.

„Weil ich nicht verstehe“
Gott, ich verstehe nicht:
Dich nicht, mich nicht, die Welt nicht.
Doch ich will es aushalten:
Dich, mich, die Welt.
So wie Christus neben dir.
Und will in seinem Namen leben.
Bis Du es mir einmal erklären wirst.
Und ich mich und die Welt einmal erkennen werde.
So wie wir von Dir erkannt sind.

Um die Fähigkeit, mit dem Ausnahmezustand umgehen zu können. - 25. April 2020

"Ausnahme ist das neue Normal." - Vom Umgang mit der Wüstenzeit

Wie vermutlich für viele Menschen war Ostern für mich eine Zäsur. Vorher gab es eine kollektive Krisen-Intervention: Shut-down, Außenkontakte möglichst gegen Null, alles irgendwie anders. Danach war das Covid-19-Virus wie zu erwarten nicht einfach weg. Trotzdem gab es in mir die irreale Hoffnung, dass das Irreale wieder aufhört. Der stille Wunsch, das alles irgendwie wieder normal ist. Ein Wundermittel, eine Super-App, ein Ende der ständigen Sonder-Sendungen, in denen es doch ständig nur um ein Thema geht.

Auch wenn die Zahlen und Daten das schon vorher deutlich gezeigt haben: Nach Ostern ist die Ausnahme zur neuen Normalität geworden, auch in meinem Kopf. Die Pandemie ist da, sie ist virulent und sie wird in veränderter Form auch in einem Jahr noch unser Leben bestimmen. Die nächsten Infektions-Wellen werden kommen. Die Frage ist nicht ob, sondern wann. Und die Frage ist, wie wir lernen, in und mit der Pandemie zu leben: längerfristig, für unbestimmte Zeit. Neben der notwendigen Diskussion um verschiedene Maßnahmen, die aktuell zurecht geführt wird, geht es dabei auch um Haltung.

In früheren Generationen hat man hier von „Wüstenzeiten“ gesprochen: Lebensphasen, die herausfordernd, bedrohlich, unwirtlich sind. Krisenzeiten, in denen sich entscheidet, wer man selber ist und wohin sich eine Gesellschaft oder Gemeinschaft entwickelt (so die Bedeutung des griechischen Wortes krinein als „scheiden“, „unterscheiden“, „entscheiden“).

„Am Anfang war die Wüste.“ Es ist auffällig, dass in der Sicht des Glaubens die Wüste der Ort ist, an dem alle großen Veränderungen beginnen.

Am Anfang der Schöpfung war die Erde „wüst und leer“ (1. Mose 1,2). Im Hebräischen steht dort wörtlich „tohu wabohu“, das sprichwörtlich gewordene Chaos, das freilich nicht selbst kreativ ist, sondern an dem, so der Glaube, Gott schöpferisch handelt.

Am Anfang des Exodus, der großen Geschichte des Auszugs aus der Sklaverei, zieht das Volk Israel vierzig Jahre lang durch die Wüste. Um die Fesseln abzulegen - nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. In späteren Krisenzeiten des Volkes werden einzelne Personen immer wieder an diesen Ort des Neuanfangs zurückkehren. So wie Elia, der fanatische Gottesstreiter, der die Wüste vierzig Tage durchzieht - um Gott im zärtlichen Säuseln eines verwehenden Windes zu erfahren (1. Kön 19).

Und auch am Anfang des Evangeliums steht bei Markus die Stimme eines „Predigers in der Wüste“ (Markus 1,3) und der Geist treibt Jesus nach seiner Taufe dorthin: „und er war in der Wüste vierzig Tage und wurde versucht von dem Satan und war bei den wilden Tieren und die Engel dienten ihm.“ (1,13) Die Wüste als Ort der Verwandlung; der Konzentration auf das Wichtige; der Begegnung mit Gott und sich selbst; mit dem Satan, den wilden Tieren und den Engeln; der Versuchung und der Kunst, die Geister zu scheiden. Aus den vielen Stimmen die eine Stimme herauszuhören, die einen sicher leitet.

Doch was bedeutet es, wenn man diese geistlichen Wüstenerfahrungen früherer Generationen auf die aktuelle Situation bezieht? Ein paar unfertige Gedanken:

1. Loslassen:
Ich glaube, dass tatsächlich eine gewisse Art zu leben mit der Pandemie zu Ende geht. „Die Welt wird danach eine andere sein“ (F.W. Steinmeier) Was genau zu diesen Veränderungen gehört und wie die Welt danach sein wird, ist noch nicht klar. Und kann es auch noch nicht sein. Weil es - zumindest zum Teil - auch damit zusammenhängt, wie wir mit der Pandemie umgehen. Wie wir uns in dieser Zeit entscheiden, wer wir sein wollen und wer nicht. Ein erster, wichtiger Akt in Wüstenzeiten ist es dabei, sich von manchem Vertrautem zu verabschieden: im Bild gesprochen, von den „Fleischtöpfen Ägyptens“. Ein einfaches Zurück zum Status „ante“ wird es nicht geben. In keinem Fall. Dazu gehört m.E. etwa das Ende des Irrglaubens, dass wir in Europa, in Deutschland auf einer Insel der Seligen leben, die von den großen Nöten in anderen Teilen der Welt nicht betroffen wäre. Allen nationalen Corona-Ranking-Skalen zum Trotz: Die Welt ist viel „dorf-artiger“, als uns trotz der Rede vom global village bewusst war. Es sind eben nicht nur meine Familie, meine Nachbarn oder Mitbürger, mit denen ich mich zusammen in der Wüste befinde. Es sind auch die Menschen aus den Favelas von Rio, die schwarze Bevölkerung der Town-Ships in Johannisburg, die Wanderarbeiter aus Neu Dehli ebenso wie die Bewohner/innen von New York.

2. Streiten:
Die kurze Liste der religiösen „Wüsten-Begleiter“ in der Geschichte Jesu passt - symbolisch verstanden - auch in die Corona-Zeit: Versucher, wilde Tiere und Engel. Wir werden, je länger die Pandemie dauert, desto mehr einen „Streit der Geister“ erleben: darüber, wie die Welt und unsere Gesellschaft „danach“ gestaltet werden soll. Wer wird den Impfstoff erhalten, wenn er denn einmal gefunden ist, und zu welchem Preis? Wer wird für die astronomischen Summen aufkommen, die zurzeit ausgegeben werden? An welche Bedingungen werden etwa Zahlungen an die Auto-Industrie geknüpft im Blick auf eine nachhaltige Mobilität? Wie ist Solidarität in Europa zu gestalten? Der Streit hat gerade erst begonnen.

In der Versuchung Jesu ging es um die Verlockungen von Wunderkraft (Steine zu Brot), Unverletzlichkeit (Sprung von den Zinnen) und Weltherrschaft (Niederfallen und Anbeten). Das weist manche erstaunliche Parallelen zur Selbstinszenierung populistischer oder autoritärer Regenten in der Pandemie auf. Die eigentliche Frage ist aber, wer wir selber sein wollen. Wie wir uns in dem Streit der Geister - in uns selbst und in der Begegnung mit anderen - entscheiden. Wir müssen streiten. Unbedingt. Doch wir sollten es so tun, dass wir immer im Blick behalten, worum es dabei geht: nicht nur um Finanzen, politische Macht und den Einfluss von Ländern, sondern immer auch darum, wer wir selber sind, woran wir glauben, worauf es uns im Leben tatsächlich ankommt.

3. Sich konzentrieren:

An Stelle der Fleischtöpfe Ägyptens traten in der Geschichte Israels als wanderndem Gottesvolk „Wachteln und Manna“. Wildvögel und ein „Himmelsbrot“ (wahrscheinlich Flechten, Harze oder Sekrete auf Tamarisken), das sich markanter Weise nicht länger als einen Tag aufbewahren lässt. Auch in der Pandemie geht es darum, was „system-relevant“ ist. Was wir unbedingt brauchen. Und was in einer Zeit kollektiven Fastens auch als entbehrlich erfahren wird. Ich erlebe zum Beispiel, wie sehr mir die Menschen in der Akademie fehlen, weil sie eben mehr sind als nur Arbeitskolleg/innen, Menschen, die einfach zu meinem Leben dazugehören. Dass ich hoffe, dass der große Reichtum von Kulturveranstaltungen erhalten bleibt.

Und dass ich tatsächlich die gemeinsame Feier mit fremden Menschen in einem ganz normalen, manchmal langweiligen Sonntags-Gottesdienst vermisse. Dagegen fehlt mir persönlich gerade nicht wirklich etwas, dass wir in diesem Jahr beispielsweise noch nicht verreist sind. Das liegt auch an den langen Spaziergängen mit meiner Frau - so viel wie jetzt war ich mein Leben lang noch im Wald und im Park. Das wird bei anderen sicher anders aussehen. Die Herausforderungen im Blick auf einen zukunftsfähigen und nachhaltigen Lebensstil wird sein, was für unser Leben brauchen und worauf wir bewusst auch verzichten können. Die großen Probleme von Armutsbekämpfung, Klimakrise, Bildungsgerechtigkeit, Artenvielfalt, Meeresverschmutzung u.a. bleiben uns durch die Pandemie ja erhalten - und werden zum Teil noch verschärft. Es ist zu hoffen, dass wir in dieser Wüsten-Zeit lernen, auch mit anderen Krisen umzugehen und die richtigen „Post-Corona-Perspektiven“ entwickeln.

4. Umdenken
Die allererste Forderung, die Jesus nach seiner Wüstenerfahrung verkündet, lautet: „Kehrt um.“ (Markus 1,15) Ändert euren Sinn. Oder in alter Sprache: Tut Buße. In aktuellen Texten entspricht dem - gesellschaftspolitisch - die Forderung nach einer „großen Transformation“, exemplarisch konkretisiert in den von der UN formulierten siebzehn Zielen einer nachhaltigen Entwicklung (SDGs). Wir werden nach der Pandemie nicht zu der Welt und dem Leben vorher zurückkehren können. Und wir sollten dies auch nicht einfach wollen. Es ist für alle Betroffenen äußerst verständlich zu fragen, wann der Normalbetrieb wieder losgeht. Gerade wenn dies mit ökonomischen Existenznöten einhergeht. Als Gesellschaft insgesamt stehen wir jedoch vor der Aufgabe, zugleich unsere Art zu wirtschaften, zu konsumieren, zu leben verändern zu müssen. Ansonsten stehen wir vor noch größeren Problemen als denen der Pandemie. Die Pointe bei Jesu Aufforderung liegt darin, dass diese Veränderung nicht ein moralisches Sollen ausdrückt. Sondern dass sie einer positiven anderen Selbst-, Welt- und Gotteserfahrung entspricht. Nochmal in der Geschichte Jesu ausgedrückt: „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen, [...].“ (1,14) Das ist vielleicht die größte Herausforderung: In der wirklich „ver-rückten“ Zeit der Pandemie so miteinander von Gott und dem eigenen Glauben zu sprechen, dass sich uns eine neue, befreiende Lebenssicht erschließt, dass sich unser Denken, Handeln, Fühlen verändert.

Das ist es, was wir als evangelische Akademie in den nächsten Monaten auf digitalem Weg versuchen werden. Auch wenn wir es wirklich schmerzlich vermissen, Ihnen und anderen Menschen in unserem Haus am Römerberg von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. Das werden wir gerne gemeinsam mit Ihnen nachholen. Bis dahin arbeiten wir daran, dass sich unsere Gesellschaft, unser Demokratie, Europa hoffentlich zum Besseren entwickelt. Und wir freuen uns, wenn Sie uns dabei begleiten, helfen und unterstützen.
Von der Kunst, zusammenzuleben und allein zu sein - 7 lebenspraktisch-geistliche Empfehlungen - 25.03.2020

Was für eine Herausforderung: Schulen und Kitas dicht, fast alle sind zu Hause, in den Nachrichten gibt es nur noch Corona. Dazu kommen Sorgen und Ängste: um die Großeltern, die eigene Gesundheit, die berufliche Existenz oder die Bezahlung des nächsten Kredits. Trotz schönen Frühlingswetters draußen können sich da zu Hause Stress und Konflikte sehr leicht aufbauen.

Das gilt sowohl für Familien und Lebensgemeinschaften als auch für Menschen, die allein leben. Man kennt das aus anderen Zeiten, etwa dem gemeinsamen Urlaub oder Weihnachten. Auf einmal sind alle zusammen – und bald schon gibt es den ersten Konflikt. Oder das alltägliche Beziehungsnetz aus Schule und Arbeit ist weg – und schon fällt einem die Decke auf den Kopf. Nur dass jetzt noch die allgemeine Pandemie-Stimmung dazukommt. Da kann es leicht zum „Lagerkoller“ kommen, emotionalen Ausbrüchen, wie man sie auch aus anderen Situationen kennt, in denen Menschen über längere Zeit in Gruppen oder allein auf begrenztem Raum leben. Etwa von Freizeitcamps, Trainingslagern, Gefängnissen – oder auch vom sogenannten „Trapper-Fieber“. Zugespitzt formuliert, können hier Menschen zwei sehr unterschiedliche Erfahrungen machen: „die Hölle, das sind die anderen“ (Jean-Paul Sartre) oder „die Hölle, das bin ich, allein mit mir selbst“.

Dies muss nicht so sein. Und es gibt eben genauso die andere Möglichkeit, dass in solchen Zeiten Zusammenhalt und Gemeinschaft ganz neu erfahren werden. Dass einem neu deutlich wird, worauf es im Leben eigentlich ankommt, was man aneinander hat und wie reich man persönlich beschenkt ist. Dazu ist es wichtig, gut auf sich selbst und die anderen zu achten.

Hier sieben lebenspraktisch-geistliche Empfehlungen, wie man in diesen besonderen Zeiten gut mit seinen Hausgenossen und sich selbst klarkommt.

1. „Einander Raum lassen“
Zu den fundamentalen Bedürfnissen eines Menschen gehört es, Schutz- und Rückzugsräume zu haben. Deshalb sind Wohnungen rechtlich so hoch geschützt (etwa GG Art. 13). Aber es braucht auch innerhalb von Wohnungen Schutz- und Rückzugsräume vor denen, die mir eigentlich lieb und nahe
sind, auf Dauer aber einfach zu viel werden. Einander Raum zu lassen ist eine praktische Gestalt der Liebe. In ihr geht es um die Kunst der „freiwilligen Selbstzurücknahme“ (Michael Welker). Das kann von der gebastelten Kuschelhöhle im Kinderzimmer (ohne Zutritt für „Große“) bis zur verabredeten
Auszeit voneinander reichen. Es ist gut, wo immer es geht, mir selbst den Raum zu nehmen und anderen den Raum zu geben, den jede/r für sich braucht.

2. „Den Burgfrieden wahren“
In früheren Zeiten gab es die rechtliche Regelung des Burgfriedens. Demzufolge war es – besonders in Zeiten äußerer Gefahr – streng verboten, innerhalb des eingehegten Lebensraums der Burg Fehden und andere Streitereien fortzuführen. Vielmehr waren alle Parteien verpflichtet, den
Gemeinschaftsbesitz und die Infrastruktur der Burg zu pflegen: von den Mauern über die Brunnen bis zu den Kapellen. Übertragen auf Wohngemeinschaften kann es hilfreich sein, sich den familiären Burgfrieden (das „Wir sind füreinander da“) neu zu vergegenwärtigen und zu verabreden. Reden hilft, wie immer, auch hier. So kann die Corona-Zeit dazu beitragen, dass Wir-Gefühl zu stärken.

3. „Feste Rituale pflegen – alltägliche und besondere“
Rituale geben dem Leben einen Rhythmus und der Seele einen Halt. In Zeiten innerer und äußerer Unruhe werden sie besonders wichtig. Das gilt für alltägliche Dinge: zu festen Zeiten aufstehen, essen, sich körperlich pflegen und bewegen, etwas lesen, Musik hören, „schöntun“, spielen, mit anderen etwas machen und ausreichend schlafen. Das gilt ebenso auch für religiöse Rituale, die eine heilsame Unterbrechung von den Sorgen-Kreisläufen in meinen Kopf darstellen: still werden, zur
Ruhe kommen, beten und Gott klagen, bitten oder danken, was einem auf der Seele liegt. Davon sollten einen auch die eigenen Zweifel nicht abhalten. Hier kann man von den Menschen früherer Zeiten lernen und auch Worte und Sprache leihen, etwa die Psalmen. Denn was für die Zähne gilt, ist auch für die Seele richtig: Man sollte sie mehrfach täglich putzen.

4. „Lob, Blumen und andere kleine Zeichen bewirken oft große Wunder“
Wenn große Dinge ins Wanken geraten, gewinnen kleine Gesten oft eine besondere Bedeutung: ein Kompliment am Rande, eine Blume an meinem Arbeitsplatz, eine Aufmerksamkeit, mit der ich nicht gerechnet habe. „Frech achtet die Liebe das Kleine“ (Henning Luther). Freundlichkeit „en passant“. Es gibt Menschen, die dafür einen besonderen Sinn haben. Aber auch andere können die Kunst des vermeintlichen „Chichi“ üben und werden von der Wirkung überrascht sein

5. „Aus dem Gravitationsfeld des kollektiven Bauchnabels heraustreten“
Als Menschen sind wir soziale, gemeinschaftsbildende Wesen, mit Aristoteles ein „Zoon politikon“. Oder biblisch formuliert: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ (1. Mose 2,18) Das gilt nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für das „kollektive Ich“ einer Familie oder Gruppe. Irgendwann
kreist man dann nur noch um sich selbst. Deshalb ist es wichtig, sich der „Anziehungskraft des eigenen Bauchnabels“ immer wieder zu entziehen: rauszugehen, anderen zu begegnen (zurzeit natürlich nur einer Person und mit zwei Metern Abstand) oder virtuell zu kommunizieren (am besten
mit Bild), um zu hören, sehen, fühlen, wie es den anderen geht. Das setzt manche eigenen Gedanken in die rechte Relation und verhindert einen „Sorgen-Tunnelblick“, gerade wenn man allein lebt. Die Corona-Zeit ist auch eine Chance, alte Freundschaften zu pflegen und neu Beziehungen zu knüpfen.

6. „Konflikte sind normal – man sollte sie ehrlich und achtungsvoll führen“
Wo Menschen zusammenleben, sind Konflikte nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Das ist in der Demokratie als einer Form des politischen „Konflikts in Permanenz“ ebenso wie in Familien. Es ist meines Erachtens gerade kein Zeichen von Liebe, sondern von romantisch-illusionärem Kitsch, wenn
man glaubt, ohne Konflikte miteinander leben zu können. Familien wie Ehen tragen „in guten wie in schlechten Zeiten“. Zur Liebe gehört vielmehr, meine eigenen Macken, Kanten und Grenzen und die der anderen anzunehmen. Entscheidend ist, wie wir mit den Konflikten umgehen, wie wir „liebevoll streiten“. Dazu gehört es, ehrlich zu sein, Respekt und Achtung voreinander zu haben, die anderen wirklich verstehen zu wollen, weniger Schuld zuzuweisen als gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

7. „Niemals Gewalt – es gibt immer Hilfe von außen“
Gerade im unmittelbaren familiären Umfeld, im „sozialen Nahbereich“, ist Gewalt gefährlich und verletzend. Weil sie hier im privaten Schutzbereich ohne Fluchtmöglichkeit passiert, weil Täter und Opfer emotional bzw. familiär eng verbunden sind, weil die Gefahr der Wiederholung besteht, weil
sie Menschen physisch, seelisch tief und dauerhaft verletzt. Deshalb gilt unbedingt: niemals Gewalt in der Familie. Darauf müssen vor allem die Überlegenen und Stärkeren achten, besonders in Ausnahmezeiten wie der aktuellen Pandemie. So verständlich Überbelastungen sind: Es gibt immer Hilfsmöglichkeiten von außen – von der Unterstützung bei konkreten Problemen über das Gespräch mit Bekannten, Lehrer/innen oder Pfarrer/innen bis hin zur Telefonseelsorge.
Das Wort „Koller“ für eine Anwallung von Zorn und Wut geht über das althochdeutsche Koloro, „Zorn, Bauchweh“, auf das lateinische Cholera, „Galle, Gallenflüssigkeit“, zurück. Ehe also die Körpersäfte cholerisch in einem verrückt spielen oder Konflikte eskalieren, sollte man sich körperlich, seelisch und emotional gut pflegen. „Lieber einmal durch den Wald gerannt als die Sicherungen zu Hause durchgebrannt.“ Das gilt entsprechend auch, wenn einem das Alleinsein zu viel wird und die Aggression droht, sich gegen einen selbst zu richten.
In einem der vielen Artikel zum Thema habe ich gelesen, dass die Corona-Zeit ein Lackmustest für die Gesellschaft sei. Ich glaube, dass sie – trotz der vielfältigen Belastungen und genannten Risiken – auch die Chance bietet, neu zu entdecken, wie viel Liebe, Hilfsbereitschaft und Zusammenhalt in
anderen und mir selbst steckt. Gebe Gott, dass wir in den kommenden Wochen von uns selbst immer wieder positiv überrascht werden.

Dr. Thorsten Latzel

„In Einsamkeit mein Sprachgesell“ – Wie Psalmen einem helfen können zu beten - 21.03.2020
Eine kleine geistliche Gebrauchsanleitung in der Corona-Zeit.

Es gibt Zeiten im Leben, da fehlen einem die Worte. Vor allem, wenn man in Not gerät, Ängste oder Sorgen hat – und einfach nicht weiß, wohin damit. Das geht heute manchem so angesichts des Coronavirus SARS-CoV-2: Man kann es nicht sehen und doch ist es da, hochansteckend und stellt das ganze gewohnte Leben auf den Kopf – bis hin zu ganz konkreten gesundheitlichen, ökonomischen oder seelischen Problem. In solchen Zeiten ist es gut, Worte zu haben, die einem helfen, das auszudrücken, was einen bewegt. Und es ist gut, wenn man jemanden hat, dem man diese innersten Gefühle sagen kann. Jemanden, der diese Gefühle aushalten kann, der sie versteht und der auch helfen kann. Einem nahestehenden Menschen und besonders auch Gott. „In Einsamkeit mein Sprachgesell“ (Paul Gerhardt). Kurz: Es hilft, miteinander zu reden und zu beten.

Gerade das Beten fällt Menschen aber oft nicht leicht. Man hat es lange nicht mehr gemacht, ist unsicher, ob es „etwas bringt“ oder wie man es „richtig macht“. Hier können die Psalmen eine große Hilfe sein. Es sind alte Texte des jüdischen Volkes, die Menschen seit 3000 Jahren durch Erfahrungen von Angst, Not und Zweifel begleitet haben. Lieder, Gebete, Gedichte, die genau zu diesem Zweck aufgeschrieben und von Generation zu Generation weitergegeben wurden: damit Menschen nicht allein oder sprachlos bleiben. „Wenn es ans Eingemachte geht, braucht es Eingemachtes.“ Genau das sind die Psalmen: geistlich Eingemachtes. Dichte, poetische Texte voller Erfahrung von Höhen und Tiefen, voller Anfechtung und Hoffnung – mit der Kraft, die eigene „Seele“ zu trösten. Wer das Beten verlernt hat, hier kann er oder sie es wieder lernen.

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Dr. Thorsten Latzel

10 Gebote für die Corona-Zeit - 15. März 2020

Queres aus der Quarantäne – 10 Gebote für die Corona-Zeit
Ein theologischer Sonderimpuls von Dr. Thorsten Latzel

Das Wort „Quarantäne“ geht ursprünglich auf das lateinische Zahlwort quadraginta, „vierzig“, zurück. Es bezeichnete früher die vierzigtägige Isolation, die man im Mittelalter ab dem 14. Jahrhundert zum Schutz vor Pest und Seuchen über Reisende oder Schiffe verhängte – in Aufnahme alter biblischer Reinheitsvorschriften (3 Mos 12,1-8). Noch in den 1960er-Jahren wurden in Deutschland bei Pockenausbrüchen infizierte Menschen zum Teil ohne medizinische Versorgung in Schullandheimen isoliert.

Während der Covid-19-Pandemie erleben wir gerade eine umfassende gesellschaftliche Quarantäne – mitten in der vierzigtägigen Fastenzeit vor Ostern. Ich glaube, dass es gut ist, wenn wir diese Zeit nicht depressiv als „Seuchenopfer“ erleiden, sondern aktiv und kreativ mit ihr umgehen. Und dass es gut ist, wenn die Pandemie das Beste von dem herausholt, was in uns steckt – sodass wir uns im Nachhinein vielleicht einmal über das „Gute im Schlechten“ wundern werden. Dafür kann die Fastenzeit als Zeit des Umdenkens und der Besinnung hilfreich sein.

Ein anderes Wort für Quarantäne im 19. Jahrhundert war „Kontumaz“, von lateinisch contumacia, „Trotz“, „Unbeugsamkeit“. Die Corona-Auszeit sollte so eine Zeit sein, in der wir Haltung zeigen. Fromm formuliert: eine gute Mischung aus Nächstenliebe, Gottvertrauen und innerem Rückgrat.

Auf Martin Luther geht der schöne Gedanke zurück, dass ein glaubender Mensch jeden Tag „neue Dekaloge“ entwerfen könne. Deshalb hier ein Versuch:

10 Gebote für die Corona-Zeit


1. Du sollst deine Mitmenschen lieben, komm ihnen aber gerade deswegen nicht zu nahe. Übe dich in „liebevoller Distanz“. Auf deine Gesundheit und die deiner Mitmenschen zu achten ist immer wichtig. Jetzt kann es lebenswichtig werden.

2. Du sollst nicht horten – weder Klopapier noch Nudeln und schon gar keine Desinfektionsmittel oder gar Schutzkleidung. Die werden in Kliniken gebraucht, nicht im Gästeklo zu Hause.

3. Die Pandemie sollte das Beste aus dem machen, was in dir steckt. Keinen Corona-Wolf und kein Covid-Monster, sondern einen engagierten, solidarischen Mitmenschen.

4. Du solltest ruhig auf manches verzichten. Quarantäne-Zeiten sind Fastenzeiten. Dafür gewinnst du andere Freiheit hinzu. Das passt sehr gut in die Zeit vor Ostern.

5. Du sollst keine Panik verbreiten. Panik ist nie ein guter Ratgeber, zu keiner Zeit. Gesunder Menschenverstand und Humor dagegen schon. Deshalb hör auf Fachleute, beruhige andere und schmunzele über dich selbst. Da macht man erst mal nichts falsch, und es trägt sehr zur seelischen Gesundheit bei.

6. Du solltest von „den Alten“ lernen. In früheren Zeiten von Seuchen und Pestilenz, als es noch keine so gute Medizin wie heute gab, halfen Menschen vor allem ein gesundes Gottvertrauen und die tätige Fürsorge füreinander. Das ist auch heute sicher hilfreich.

7. Du solltest vor allem die Menschen trösten und stärken, die krank werden, leiden oder sterben. Und auch die, die um sie trauern. Sei der Mensch für andere, den du selbst gern um dich hättest.

8. Du solltest anderen beistehen, die deine Hilfe brauchen: Einsamen, Ängstlichen, Angeschlagenen. Oder Menschen, die jetzt beruflich unter Druck geraten. Das hilft nicht nur ihnen, sondern macht dich auch selbst frei.

9. Du solltest frei, kreativ und aktiv mit der Pandemie umgehen. Dazu sind wir von Gott berufen. Du wirst am Ende vielleicht überrascht sein, was sie Positives aus dir und anderen herausholt.

10. Du solltest keine Angst vor Stille und Ruhe haben. Wenn die Quarantäne zu mehr Zeit zum Umdenken, zum Lesen und für die Familie führt, wäre das ein guter „sekundärer Krankheitsgewinn“.

Mit herzlichen Grüßen

Dr. Thorsten Latzel
Direktor, Pfarrer
Studienleiter für Theologie & Kirche



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